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TURKEI: EINSTIEG INS ATOMZEITALTER

Am Standort Akkuyu steht der erste türkische Atommeiler kurz vor der Inbetriebnahme. Das Projekt ist ökologisch höchst bedenklich und wirtschaftlich nicht nachvollziehbar. Strebt das Land den Besitz von Atomwaffen an?

Die nuklearen Ambitionen der Türkei reichen bis in die 50er Jahre zurück. Entsprechend der damals in allen Industrieländern und großen Teilen der Welt herrschenden Atomeuphorie gründete die Türkei 1956 eine Atomenergiekommission mit dem Ziel, die Atomkraft in der Türkei zu etablieren. Bereits 1962 wurde wenige Kilometer westlich von Istanbul der Çekmece Forschungs- und Ausbildungsreaktor TR-1 in Betrieb genommen. TR-2 folgte 1981 am selben Standort. Dazwischen wurde auf dem Ayazağa-Campus der Technischen Universität Istanbul ein Reaktor des Typs Triga Mark-2 in Betrieb genommen, der einzige heute noch betriebsbereite Forschungsreaktor in der Türkei. Hier wurde 1979 die erste Kettenreaktion ausgelöst.

Der World Nuclear Industry Status Report (WNISR) beschreibt, dass die Türkei zwischen 1965 und 2000 viermal versucht hat, ein kommerzielles Kernkraftprojekt zu starten, aber keiner dieser Versuche die Bauphase erreichte. Geblieben ist aus dieser Zeit lediglich der Standort Akkuyu in der Region Mersin, dem bereits 1976 die erste Standortgenehmigung erteilt wurde. Im Jahr 2008 eröffnete die Türkei ihre letzte Nuklearausschreibung und bat 13 Unternehmen um ein Angebot zum Bau eines Atomkraftwerks. Die Ausschreibung scheiterte letztlich an zu hohen Kosten des einzigen Bieters, wettbewerbswidrigen Preissenkungen, Einsprüchen, Gerichtsklagen und schließlich der Annullierung des Verfahrens.

Wirklichkeit wurde das erste türkische Atomkraftwerk erst durch das türkisch-russische Atomabkommen, das am 12. Mai 2010 während des Besuchs des russischen Präsidenten Dmitri Medwedew in Ankara unterzeichnet wurde und den Bau und Betrieb eines AKW mit vier 1 200-Megawatt-Reaktoren am Standort Akkuyu vorsah. Die Inbetriebnahme der vier Meiler war damals zwischen 2016 und 2019 geplant. Aufgrund der Reaktorkatastrophe von Fukushima und strengerer Vorgaben hinsichtlich Erdbebensicherheit sollten die Reaktoren ab 2019 Schritt für Schritt in Betrieb gehen.

Wie bei allen derzeitigen AKW-Neubauten konnten auch die russischen WWER-Reaktoren nicht im Zeitplan fertiggestellt werden. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan ließ zwar verkünden, dass der erste Reaktor 2023 anlässlich der 100-Jahr- Feier zur Gründung der türkischen Republik in Betrieb gehen würde. Das war aber letztlich reine PR. Der erste Meiler soll im Jahr 2026 – zehn Jahre später als ursprünglich geplant – erstmals Strom liefern.

Sicher jedoch sind die enormen Kosten, die das Atomkraftwerk Akkuyu der Türkei beschert: Der russische Staatskonzern Rosatom erhält für 70 Prozent des Atomstroms der ersten beiden fertiggestellten Blöcke eine Abnahmegarantie von 12,35 Dollar-Cent pro Kilowattstunde. Bei den letzten beiden Blöcken werden 30 Prozent zu diesem festgelegten Preis abgenommen. Der restliche Atomstrom wird zum Marktpreis vergütet. Die Kammer der türkischen Elektroingenieure bezifferte die Summe auf 35,2 Mrd. US-Dollar, die Rosatom im Rahmen der Abnahmegarantien binnen 15 Jahren bekommt – das Dreifache des aktuellen Marktpreises.

Dieses Missverhältnis wird immer größer, denn die Türkei hat ein großes Potenzial an Erneuerbaren Energien – und die werden immer günstiger. Nach den »freien« Ausschreibungen im Jahr 2024 erhalten Wind- und Solarkraftwerke in der Türkei 3,25 bzw. 3,5 Dollar-Cent pro Kilowattstunde. Anbieter, die über das türkische Yekdem-Vergütungssystem ihren Strom an den Staat verkaufen, bekommen mit 6,9 Cent ungefähr das Doppelte. Biomasse, Geothermie oder mit Batteriespeichern ausgestattete Wind- und Sonnenkraftwerke – alles ist günstiger als Atomstrom.

Atomstrom ist damit aber nicht nur teuer, sondern birgt grundsätzlich die Gefahr extremer Katastrophen. »In der Türkei ist diese Gefahr nochmals größer, denn die Türkei gehört zu den erdbebengefährdeten Gebieten, wie uns die jüngste Katastrophe vor Augen geführt hat«, kritisiert Özgür Gürbüz, der Kampagnendirektor der NGO Ekosfer. Über 60 000 Tote sind im Februar 2023 im Südosten der Türkei und im Norden Syriens bei einem Beben der Magnitude 7,8 ums Leben gekommen. Eurasische, arabische und anatolische tektonische Platten treffen unter der Türkei aufeinander und verursachen seit Menschengedenken immer wieder starke Erdbeben.

Warum aber will die Türkei trotz solcher Gefahren und trotz der immensen Kosten Atomkraft? Das Land hat ein enormes Potenzial an Sonnenenergie und in nur zweieinhalb Jahren seine Solarkapazität bereits auf 19,6 GW verdoppelt (Stand Ende 2024). Darüber hinaus stehen Wasser- und Windkraft sowie Biomasse und Geothermie zur Verfügung – die gesamte Palette der Erneuerbaren. Steigt das Land in die Atomkraft ein, um doch irgendwann eine eigene Atombombe zu bauen? Immerhin ist der Bau von Atomwaffen untrennbar mit der zivilen Atomkraftnutzung verbunden. Türkische Ingenieur*innen werden im AKW Akkuyu Wissen erwerben, das sie irgendwann in einem Atomwaffenprogramm anwenden könnten.

Die Türkei hat zwar 1980 den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet, aber die Frankfurter Allgemeine und andere Zeitungen zitieren Staatspräsident Erdoğan 2019 mit den Worten, es sei »inakzeptabel«, »dass manche Länder über Atomraketen verfügen und die Türkei nicht.« Und im gleichen Jahr deutete der Präsident in seiner Rede vor der UN-Generalversammlung an, dass die Türkei möglicherweise nach Atomwaffen strebe, als er sagte, »Atomwaffen sollten entweder für alle verboten oder für jeden erlaubt sein«. Inzwischen sind mehrere Jahre vergangen, und es sind keine weiteren Äußerungen bekannt geworden, nach denen die Türkei in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen versucht. Auszuschließen ist dies allerdings nicht.

Es gibt fünf Regionen in der Türkei, in denen Uran abgebaut werden könnte. Nach Angaben der staatlichen Mineralforschungsbehörde verfügt die Türkei über Uranreserven in Höhe von 12 614 Tonnen. Das Land ist bislang noch nicht in den Uranbergbau eingestiegen. Zum einen zeichnen sich alle Uranvorkommen dadurch aus, dass das Uranerz nur einen Anteil zwischen 0,04 und 0,1 Prozent Uran enthält. Zum anderen hat es mit Rosatom einen Vertrag abgeschlossen, demzufolge der russische Staatskonzern dem AKW Akkuyu die fertigen Brennelemente liefert und die abgebrannten wieder zurücknimmt. Damit bleiben die türkischen Regionen, in denen Uran gefunden wurde, vorerst davon verschont, durch den Abbau des Erzes und seine Weiterverarbeitung kontaminiert zu werden. Türkische NGOs arbeiten daran, dass dies auch so bleibt.

Uranbergbau kann in der Türkei deshalb möglicherweise verhindert werden. Unsicher ist, ob dies auch für den Bau weiterer AKW-Projekte gilt. Die türkische Regierung hat bereits Pläne zum Bau von acht weiteren Reaktoren an zwei Standorten angekündigt. Nahe Sinop an der türkischen Schwarzmeerküste sollen neben Rosatom auch südkoreanische und chinesische Investoren Interesse am Bau neuer AKW-Blöcke zeigen. In der Region Thrakien nahe der bulgarischen Grenze sind vier Meiler im Gespräch. Und auch über kleine modulare Reaktoren, sogenannte SMRs, wird spekuliert. Aber diese Projekte scheitern möglichweise alle an der Finanzierung. Denn auch in der Türkei ist Atomkraft ohne staatliche Subventionen nicht konkurrenzfähig.

Weiterführende Informationen

World Nuclear Industry Status Report 2024: Als PDF auf worldnuclearreport.org,

Türkei-Status-Bericht, S. 192-205

• Regierungsunabhängige atomkritische NGO in der Türkei: ekosfer.org (türk.)