ROSATOM: Der geopolitische Arm Putins
Der russische Staatskonzern Rosatom forciert den weltweiten AKW-Ausbau wie kein anderes Unternehmen. Gleichzeitig schafft es Abhängigkeiten beim Handel mit Uran und Brennelementen
El Dabaa, Ruppur und Akkuyu – das sind die Namen der Atomkraftwerke, mit denen Ägypten, Bangladesch und die Türkei ins Atomzeitalter einsteigen wollen. Insgesamt 10 Meiler errichtet Rosatom an diesen Standorten und verkauft den jeweiligen Ländern eine Art Rundum-Sorglos- Paket: Bau, Betrieb, Personalschulung, Brennstofflieferung und die Rücknahme hochradioaktiven Atommülls – alles wird vom russischen Staatskonzern garantiert.
Und das sind längst nicht alle Neubauprojekte von Rosatom: 4 Meiler am Standort Kudankulam (Indien), 1 Meiler in Bushehr (Iran), 1 Meiler in Mochovce (Slowakei), je 2 Meiler in Tianwan und Xudapu (China) sowie 6 Meiler im eigenen Land. Der Konzern bezeichnet sich auf seiner Webseite selbst als die Nummer 1 im weltweiten Atommarkt und verweist auf 33 Atommeiler in 10 Ländern, die von ihm gebaut worden sind oder gebaut werden. Und weil Rosatom über den russischen Staatshaushalt finanziert wird, kann der Atomkonzern seinen AKW-Interessenten günstige Finanzierungsangebote bieten. Nur der Iran finanziert den Bau von Bushehr aus eigenen Mitteln, alle anderen Abnehmer hängen am Finanztropf Moskaus. Dementsprechend gehen von den 24 Atommeilern, die derzeit außerhalb Chinas und Russlands gebaut werden, 17 auf das Konto von Rosatom (Stand Dezember 2025). Bemerkenswert: in Russland baut der Konzern lediglich 6 AKWs, außerhalb des Landes fast dreimal so viel.
Mit jedem einzelnen Projekt schafft Rosatom neue Abhängigkeiten und sichert Russland und Staatspräsident Wladimir Putin politische Einflussnahme. Dabei sind die AKWNeubauprojekte längst nicht alles. Es gibt 16 Atommeiler in der Europäischen Union, die noch zu Sowjetzeiten gebaut und/ oder nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit sowjetischer/ russischer Technologie fertiggestellt wurden. Sie alle können nur mit hexagonalen Brennelementen betrieben werden, auf die Rosatom lange ein Monopol hatte: Dukovany 1-4 (Tschechien), Loviisa 1-2 (Finnland), Paks 1-4 (Ungarn), Mochovce 1-4 (Slowakei) sowie Kosloduj 5-6 (Bulgarien). Obwohl für russische Flugzeuge seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine über dem Territorium der EU ein generelles Flugverbot besteht, gab es mehrere Sondergenehmigungen, durch die Brennelemente nach Prag und Budapest auf dem Luftweg geliefert werden konnten. Wenn Ungarns Präsident Viktor Orbán EUSanktionen gegen Russland blockiert und Friedensgespräche anmahnt, aber eher die Kapitulation der Ukraine meint, spielen auch solche Abhängigkeiten eine Rolle. Gleiches gilt für den türkischen Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan, der eine strategische Partnerschaft mit Putin pflegt, oder die ägyptische Regierung, die bei regionalen und globalen Krisen eine vergleichbare Position wie Russland einnimmt.
Uran, angereichertes Uran und fertige Uran-Brennelemente sind eine geopolitische Waffe, mit der Rosatom Russlands Einfluss in der Welt sichert. Die EU bezog im Jahr 2024 15,6 Prozent des benötigten Urans direkt aus Russland, weitere 24 Prozent kamen von Russlands Verbündetem Kasachstan. Rosatom betreibt über seine Bergbau-Töchter Uranium One und ARMZ Uranminen im asiatischen Teil Russlands und ist an Minenprojekten in Kasachstan beteiligt. Der Konzern kontrolliert 45 Prozent der weltweiten Urananreicherung und 22 Prozent der weltweiten Brennelemente-Kapazität. Ohne Rosatom geht praktisch nichts auf dem weltweiten Atom- und Uranmarkt.
Rund 250 000 Beschäftigte arbeiten nach einem Report des österreichischen Umweltbundesamtes für Rosatom, davon 90 000 im Kernwaffenkomplex. Denn auch für das Atomwaffenarsenal Russlands und seine Modernisierung ist das Unternehmen zuständig. Die »Föderale Agentur für Atomenergie Russlands« vereint unter einem Dach die militärische und friedliche Nutzung der Atomenergie – Verflechtungen, wie sie im Westen gern verborgen gehalten werden. Das eine ist ohne das andere nicht zu denken. Rosatom kann Uran für Atomkraftwerke auf 3 bis 5 und für Atombomben auf 80 bis 90 Prozent anreichern. Und das Unternehmen kann – in Wiederaufarbeitungsanlagen – aus abgebrannten Brennelementen Plutonium extrahieren und daraus Plutonium-Bomben herstellen, den gleichen Bombentypus, den die USA auf Nagasaki abgeworfen haben.
Im AKW Saporischschja ist der Atomkonzern bereits offen im Ukraine-Krieg engagiert. Nach der Besetzung der Region und im Kugelhagel der Kriegsparteien hat er auf Anweisung des Kremls die Leitung des AKWs übernommen. Trotz Ukraine-Krieg hat die EU Russland im Bereich Uran und Brennelementen bislang nicht mit Sanktionen gedroht. Der Grund: Europas Abhängigkeit ist schlicht zu groß. Frankreich geht sogar den umgekehrten Weg: Am Standort Lingen versuchen der französische Atomkonzern Framatome und 56 seine Tochter ANF die Genehmigung dafür zu erhalten, mit Lizenzen von und in Kooperation mit Rosatom hexagonale Druckwasser-Brennelemente des Typs WWER herzustellen, um damit die osteuropäischen AKWs aus Sowjetzeiten zu beliefern. Dem russischen Staatskonzern würde damit im hochsensiblen Atombereich die Tür nach Europa geöffnet.
Die Ukraine hat sich in Sachen Brennelemente von der russischen Abhängigkeit befreit: Alle 15 Reaktoren des Landes sind zwar ebenfalls russischer Bauart, der US-Konzern Westinghouse ist aber inzwischen in der Lage, Brennelemente dafür herzustellen und beliefert mittlerweile sowohl AKWs in der Ukraine als auch in Bulgarien und Tschechien. Dass Deutschland und die EU Rosatom sehr entgegenkommend behandeln, ist nur durch die atomare Abhängigkeit zu erklären.
AFRIKA IM FOKUS
Rosatom und Russland verfolgen auf dem afrikanischen Kontinent eine sehr aggressive Strategie in Sachen Atomkraft. Rosatom baut bislang zwar »nur« in Ägypten ein AKW mit 4 Meilern. Mit 18 weiteren Staaten hat Russland/Rosatom aber bereits formelle Atom-Abkommen geschlossen, um den Ländern den Einstieg zur friedlichen Atomkraft-Nutzung zu ermöglichen (s. Karte). Militärputsche in den Sahel-Staaten Mali (2020), Burkina Faso (2020) und Niger (2023) haben den Einfluss Russlands erhöht und die Diskussion um den Bau von Kernkraftwerken vorangebracht, obwohl keines dieser Länder über eine Energie-Infrastruktur verfügt, an die ein AKW angeschlossen werden könnte. Sogenannte kleine SMRs sind in der Diskussion. In Niger versucht Rosatom die Kontakte zur Militärjunta zu nutzen und die Uranvorkommen zu übernehmen. In Tansania hält der Konzern die Rechte an den Erzvorkommen am Mkuju-Projekt und könnte 2026 mit dem Uranabbau beginnen. In Mosambik und Namibia ist das Unternehmen bei der Erschließung neuer Uranvorkommen aktiv.
Länder mit Atomabkommen mit Russland/Rosatom:
ÄGYPTEN, ALGERIEN, ÄTHIOPIEN, BANGLADESCH, BURKINA FASO, BURUNDI, CHINA, DEMOKRATISCHE REPUBLIK KONGO, GHANA, INDIEN, IRAN, KENIA, MALI, MAROKKO, NAMIBIA, NIGERIA, RUANDA, SAMBIA, SIMBABWE, SÜDKOREA, SÜDAFRIKA, SUDAN, TANSANIA, TÜRKEI, UGANDA, UNGARN, VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE
Länder, die Uran oder Brennelemente aus Russland und Kasachstan beziehen:
BELARUS, BELGIEN, BULGARIEN, CHINA, FINNLAND, FRANKREICH, GROSSBRITANNIEN, INDIEN, IRAN, JAPAN, NIEDERLANDE, RUMÄNIEN, SCHWEDEN, SCHWEIZ, SLOWAKEI, SLOWENIEN, SÜDKOREA, SPANIEN, TSCHECHIEN, UNGARN, USA
Weiterführende Informationen
• Rosatoms Verflechtungen mit der EU: umweltbundesamt.at
• Rosatom Jahresberichte 2021-2024: PDF auf report.rosatom.ru/en
• Nuclear Power in Africa: Tristen Taylor, 2025, PDF auf za.boell.org