KLIMAWANDEL: ATOMSTROM IST KEIN KLIMARETTER
Die Atomindustrie preist die sogenannten Small Modular Reactors in höchsten Tönen, arbeitet an der vierten AKW-Generation und argumentiert mit dem Klimawandel. Doch nichts ist an dem Hype dran
Ein Kilo Uran-235 enthält die Energie, um 24 Millionen Kilowattstunden Wärme zu erzeugen, ein Kilo Kohle kommt nur auf acht. Kein Wunder, dass die Atomindustrie ihre Kraftwerke seit Jahrzehnten als Heilsbringer beschwört – seit einigen Jahren auch als Klimaschutzanlagen. »Sämtliche Technologien, die einen niedrigen CO2-Ausstoß haben, werden gebraucht, um die Ziele des Pariser Klimavertrags zu erreichen – auch Kernkraft«, kann man in der Schrift »Nuclear Power and the Paris Agreement« der IAEA lesen. Klimaschutz ist derzeit das zentrale Argument, um Atomkraft wieder salonfähig zu machen. Die EU-Kommission hat sie im Rahmen des sogenannten EU-Taxonomie-Reports sogar als nachhaltig eingestuft. Dänemark, Deutschland, Österreich und Portugal haben sich eindeutig dagegen ausgesprochen. Das Greenwashing von Atomkraft ist dennoch beschlossen worden.
Um das Klima zu retten, müssten bis 2050 laut IAEA 900 Gigawatt Kernkraft neu installiert werden – wobei kein Stromkonzern einen AKW-Neubau ohne massive staatliche Unterstützung angeht. Das wären 600 bis 700 neue Atommeiler, weit mehr als heute in Betrieb sind (s. S. 43). Die Internationale Energieagentur (IEA) kommt 2025 zu dem Ergebnis, dass die »weltweite Kernenergiekapazität bis 2050 um mehr als 50 Prozent steigen wird.« Dabei geht die IEA davon aus, dass Small Modular Reactors (SMR) in den nächsten zehn Jahren marktreif werden und es bei AKW-Neubauten weder Zeit- noch Kostenüberschreitungen gibt.
Nichts spricht für diese Annahmen. Die Atomindustrie war bereits in den vergangenen Jahrzehnten hochsubventioniert und ist rein ökonomisch betrachtet nicht überlebensfähig. Von der Beseitigung der Schäden des Uranbergbaus über den Normalbetrieb bis hin zu den schwer bezifferbaren Kosten für Rückbau und Endlagerung hat diese Industrie weder den wahren Preis ihres Wirtschaftens ermittelt, noch ihre wirtschaftliche Situation angemessen beleuchtet. Wegen ihrer Verflechtung mit dem Bau von Atombomben und dem Unterhalt atomar betriebener U-Boot-Flotten und anderer Kriegsschiffe wurden immer wieder staatliche Subventionen bereitgestellt.
Neuerdings werden die Kleinen Modularen Reaktoren (SMR) als Lösung angepriesen. Zu SMRs hat die Nuclear Energy Agency mit Sitz in Paris über 100 Start-up-Designs gelistet, darunter TerraPower von Bill Gates, NuScale und Rolls Royce. Ihre geringe Größe – 300 Megawatt oder weniger – macht sie aber noch unwirtschaftlicher als die großen Meiler. Im US-Bundesstaat Idaho wollte NuScale das erste Mini-AKW bauen und hat dafür laut Wirtschaftswoche bereits 1,4 Mrd. USDollar an Subventionen erhalten. Im November 2023 wurde das US-Vorzeigeprojekt eingestellt, nachdem NuScale die eigene Kostenschätzung massiv nach oben korrigiert hat. In Argentinien wurde 2024 ein SMR-Design, das seit 2014 »im Bau« ist, offiziell aufgegeben. Und das SMR-Projekt, das als erstes in Kanada verwirklicht werden sollte, wurde »beerdigt«, nachdem die Muttergesellschaft 2024 Insolvenz beantragt hat. Russland hat 2020 nach 13 Jahren Bauzeit einen schwimmenden Reaktor realisiert. Aber zur Lösung der Klimakrise taugen sie alle nicht. »Trotz des großen Hypes erfüllen SMRs nicht die in sie gesetzten Erwartungen«, urteilt der World Nuclear Industry Status Report 2025. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) kommt zur gleichen Einschätzung: »Die Markteinführung ist aktuell nicht absehbar.«
Reaktoren der dritten Generation wurden und werden seit 2005 unter wachsenden Schwierigkeiten in Frankreich, Finnland und China gebaut, seit 2018 auch in Großbritannien. Fakt ist: Ihr Bau dauert zu lange und ist viel zu teuer, um zur Lösung der Klimakrise etwas beitragen zu können. Gleiches gilt für die Atomreaktoren der vierten Generation, auch wenn sie von der Atomlobby als die Lösung angepriesen werden: »Trotz intensiver Werbung lässt sich derzeit keine Entwicklung identifizieren, die ihren Bau in den kommenden Jahren in großem Maßstab wahrscheinlich macht«, so das BASE.
Diese Flüssigsalzreaktoren arbeiten mit Thorium als Brennstoff. Die Behauptung, der Reaktortyp sei aufgrund seiner Konstruktion besonders sicher, bezieht sich nur auf die technische Anlagensicherheit. Die Bedrohung durch Naturkatastrophen, Terroranschläge, Flugzeugabstürze, menschliches Versagen und so weiter bleibt bestehen. Hinzu kommt das große Risiko der Weiterverbreitung von waffenfähigem Uran: Beim Thorium-Flüssigsalzreaktor ist die Materialeinspeisung und -entnahme mittels einer eingebauten Aufarbeitungsanlage fester Bestandteil des Reaktors. Die vierte Reaktorgeneration vereinfacht den Bau von Atomwaffen wesentlich, da sie keine aufwendige Anreicherung erfordert. Und zum Thema Klimakrise: Nach Einschätzung der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags »ist mit einem kommerziellen Reaktor nicht vor 2060 zu rechnen«. Schon allein deshalb ist diese Technik zur Reduzierung des Treibhauseffekts derzeit nicht hilfreich.
Dennoch wird auch in Deutschland an der vierten AKWGeneration geforscht. Das Karlsruher Institut für Technologie beteiligt sich im Auftrag von EURATOM an deren Weiterentwicklung. Derartige Forschungsbeiträge konterkarieren den Atomausstieg, da ein ernstgemeinter Ausstieg auch das Ende der Atomforschung bedeuten müsste.
GLOBALES POTENZIAL DER ERNEUERBAREN
Rund um den Globus sind Erneuerbare Energien inzwischen deutlich kostengünstiger als Atomstrom und selbst gegenüber bestehenden Kohlekraftwerken konkurrenzfähig. Weltweit waren es im Jahr 2024 vor allem Onshore-Windräder, die mit durchschnittlich 3,4 Dollar-Cent pro Kilowattstunde den preiswertesten Strom liefern, wie die International Renewable Energy Agency ermittelt hat, gefolgt von Solarstrom mit 4,3 Dollar-Cent. Ein 600 Megawatt-Solar-Projekt in Saudi-Arabien liefert die Kilowattstunde inzwischen für 1,04 Dollar-Cent – Weltrekord. Und selbst in Deutschland ist eine Kilowattstunde für 4,6 Euro-Cent zu haben. Länder wie Norwegen oder Österreich wiederum nutzen ihr enormes Potenzial an Wasserkraft, die im Vergleich zu Kohle und Atomkraft weit kostengünstiger Strom liefert. Atomkraft kann mit dieser Konkurrenz wirtschaftlich nicht mithalten.
Weiterführende Informationen
· IRENA: Renewable Power Generation Costs in 2024, als PDF unter irena.org
· Analyse und Bewertung für sog. neuartige Reaktorkonzepte, PDF auf oeko.de
· Mythen der Atomkraft: linx.rosalux.de/mythen-der-atomkraft
· Links: dont-nuke-the-climate.org; ise.fraunhofer.de