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Gesundheit

Das tödliche Erz

Die Schrecken eines Atomkriegs oder eines Super-GAUs bestimmen die öffentliche Wahrnehmung des Uran. Dabei kostet bereits die Gewinnung von Uranerz Menschenleben

Die nukleare Kette beginnt immer mit der Bereitstellung des spaltbaren Materials und dem Abbau von Uran. Hierzulande ist dies praktisch kein Thema. Bergbaufirmen und Abbauländer hüllen sich bei Gesundheitsrisiken in Schweigen, AKW-Konzerne sprechen von »sauberer« und CO2-armer Stromerzeugung, die Hersteller von Brennstäben und die Betreiber von Urananreicherungsanlagen verweigern die Auskunft darüber, woher ihr Rohstoff Uran überhaupt stammt. In der DDR wurde das Erz sogar unter dem Tarnna- men »Wismut« abgebaut.

Grafik Zerfallsreihe von Uran zu Blei
Zerfallsreihe von Uran zu Blei

Uran kommt überall in der Erde und meist nur in sehr geringen Konzentrationen vor. Am unteren Ende der abbau- würdigen Vorkommen liegt derzeit die Rössing-Mine in Namibia mit etwa 0,03 Gewichtsprozent Uran, inzwischen wird aber bereits der Abbau von Lagerstätten mit so gerin- gen Konzentrationen wie 0,017 oder gar 0,01 Gewichtsprozent angedacht. Am oberen Ende liegt aktuell die Mine Cigar Lake in Kanada mit circa 13 Gewichtsprozent Uran. Zumeist müs- sen deshalb im Tage- und Untertage-Abbau große Erzmengen gefördert werden, um einen nennenswerten Ertrag zu bekom- men: Bei einem Urangehalt von 0,1 Prozent bleiben pro geför- derte Tonne 999,9 Kilo als Abfall zurück. Er kontaminiert die Umgebung auf Jahrtausende.

Warum das so ist, liegt an den Eigenschaften des Roh- stoffs: Uran ist ein Schwermetall, das zunächst wie Blei oder Quecksilber chemotoxisch wirkt. Gleichzeitig ist Uran kein sta- biles Element, sondern bereits in natürlicher Form radioaktiv und damit radiotoxisch. Es zerfällt zu anderen Elementen, die Alpha-, Beta- und Gammastrahlung freisetzen, bis am Ende der Zerfallsreihe das stabile Blei-206 übrig bleibt. Im Uranbergbau sind deshalb Fein- und Grobstäube voll von strahlenden Parti- keln und die Atemluft Radongas belastet – ein Hauptgrund für den Lungenkrebs vieler Bergarbeiter*innen. Das Trinkwasser wird mit Uran und seinen Zerfallsprodukten genauso kontami- niert wie die Nahrungskette. Selbst wenn ein Organismus nur geringer Strahlung ausgesetzt wird, kann er Schaden nehmen.

Bergarbeiter*innen müssen schwere körperliche Arbeit verrichten und deshalb schwer atmen. Im Tagebau wie unter Tage sind sie Lärm, Staub, Schwermetallen, Radon und ionisie- render Strahlung ausgesetzt. Grund- und Grubenwasser sind verschmutzt. Die Arbeiter*innen leiden deshalb am stärksten unter Folgeerkrankungen. Ihre Familien können über Nahrung, belastete Kleidung, verschmutztes Trinkwasser sowie toxische und radioaktive Staubteilchen kontaminiert werden.

Uran wirkt als Schwermetall chemotoxisch. Gleichzeitig ist es radioaktiv, weil es kein stabiles Element ist

Bereits im ausgehenden Mittelalter war die »Schneeber- ger Lungenkrankheit« ein Begriff. Arbeiter*innen aus Silber- minen im Erzgebirge erkrankten an ihr. Kein Mensch konnte seinerzeit die vielen mysteriösen Todesfälle erklären. Heute weiß man, dass es Lungenkrebs war – verursacht durch Radon und Uranstaub. Beim Zerfall von Uran und seinen Zerfallspro- dukten werden Alpha-, Beta- und Gamma-Strahlung freige- setzt. Ionisierende Strahlen können grundsätzlich dazu führen, dass von ihnen getroffene Körperzellen absterben. Überleben sie, kann ihre Erbsubstanz geschädigt werden. Derartig ver- änderte Zellen vererben die geschädigte Erbsubstanz an ihre »Nachfolgerinnen« und können deshalb noch nach Jahrzehn- ten zu bösartigen Tumoren führen. Da Schwermetalle jenseits der ionisierenden Strahlung toxisch wirken, potenziert sich bei Uranarbeiter*innen und ihren Familien die Gefahr, an Krebs zu erkranken. Das Ungeborene ist besonders emp- findlich, da sein Organismus noch in der Entwicklung ist. Es kommt zu Totgeburten, Frauen werden seltener schwanger. Kinder in Abbauregionen erkranken außerdem häufiger an Leukämie als anderswo. Für Erwachsene sind Lungen- und Rachenkrebs, Herz-Kreislauf- und Immunschwächeerkrankun- gen typisch, hinzu kommen psychische Störungen. Indigene Bewohner*innen von Abbauregionen berichten außerdem von

Niereninsuffizienz, sowie vermehrt von Diabetes Typ2. Die Datenlage dazu ist dünn und wissenschaftlich nicht belastbar. Da sich jedoch die Aussagen aus allen Kontinenten ähneln, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass viele Erkrankungen eine direkte Folge des Uranbergbaus sind.

Grafik Die gesundheitlichen Auswirkungen von Uran, Thorium, Radium, Radon und Plutonium
Die gesundheitlichen Auswirkungen von Uran, Thorium, Radium, Radon und Plutonium

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Berlin bestä- tigt die Erkenntnisse durch eine weltweit einzigartige Unter- suchung: In der sogenannten Kohorten-Studie sind 59000 Arbeiter*innen erfasst, die am Uranbergbau der Wismut beteiligt waren. Die Ergebnisse der Studie, veröffentlicht auch im »British Journal of Cancer«, zeigten einen Anstieg der Lungenkrebsrate um 50 bis 70 Prozent sowie über 7000 strahleninduzierte Todesfälle unter den 59000 untersuchten Studienteilnehmer*innen (11,9 Prozent). Es ergab sich eine sig- nifikante Korrelation zwischen Arbeitszeit und Krebsrisiko (21 Prozent höheres Risiko pro Arbeitsmonat). Raucher*innen
und Nichtraucher*innen unter den Bergleuten hatten übrigens ein in gleicher Weise erhöhtes Risiko.

Kritiker*innen fordern, Konzerne, die Uran abbauen, in die Verantwortung zu nehmen und zu kontinuierlichen betriebsärztlichen Untersuchungen zu verpflichten, die auch die umliegende Bevölkerung mit einschließen. Diese Resultate müssen veröffentlicht werden. Für Kompensationszahlungen an erkrankte Mitarbeiter*innen und die umliegende Bevölke- rung fehlen bislang eindeutige Kriterien. Weder Bergbau-Kon- zerne noch staatliche Institutionen sind an derartigen Untersu- chungen, deren Veröffentlichung und der Entschädigung von Erkrankten oder Hinterbliebenen interessiert.

Nach Ansicht seiner Gegner*innen verletzt Atomstrom letztlich das Recht der Menschen auf körperliche Unversehrt- heit. Bergarbeiter*innen in Niger und Namibia dürfen offiziell einer Strahlenbelastung von 20 Millisievert im Jahr ausgesetzt werden. Das ist so viel, als würde ihre Lunge zweitausendmal geröntgt.

Weiterführende Informationen

  • Otto Hug Strahleninstitut: W. Mämpel, S. Pflugbeil, R. Schmitz, I. Schmitz-Feuerhake, Unterschätzte Gesundheitsgefahren durch Radioaktivität, Bericht Nr. 25
  • Wismut-Kohortenstudie des BfS: bfs.de, Rubrik Wissenschaft