FRANKREICH: VOM NATIONALEN MYTHOS VERBLENDET
Seit Jahrzehnten setzt Frankreich auf Nuklearwaffen und Atomkraft. Im eigenen Land hat es über 80 000 Tonnen Uran gefördert. Niger wurde jahrzehntelang ausgebeutet. Gleichzeitig muss der Staat den Atomsektor mit Milliardenzuschüssen am Leben erhalten
In Frankreich wird an höchster Stelle der Mythos gepflegt, die Atomkraft sei untrennbar mit dem Schicksal der Nation verbunden. Ende 2020 erinnerte Präsident Emmanuel Macron das Volk daran, dass nicht nur »unsere energetische und ökologische Zukunft von der Kernenergie abhängt«, sondern auch »unsere wirtschaftliche, industrielle« und »strategische Zukunft«. Kurz: Der atomare Sektor entscheidet über Lebensqualität, Unabhängigkeit und Größe des Landes.
Dieser Mythos hat eine lange Geschichte: Im Rahmen des globalen Wettrüstens entschied sich auch Frankreich, ein eigenes Atomprogramm aufzulegen. Präsident Charles de Gaulle ließ bereits am 18. Oktober 1945 das »Commissariat à l’énergie atomique« (CEA) gründen. 1949 wurde das Atomwaffenprogramm gestartet, 1956 das AKW Marcoule in Betrieb genommen, das ausschließlich waffenfähiges Plutonium lieferte, und 1960 der erste von vier Atombombentests in der algerischen Sahara durchgeführt. (S. 48-49)
Uran war Voraussetzung dieser Entwicklung. Danach wurde seit 1949 in ganz Frankreich gesucht. Fündig wurden das CEA und die 1976 eigens dafür gegründete »Compagnie générale des matières nucléaires« (Cogema, später Areva, heute Orano) an rund 400 Standorten. 247 Anlagen gingen in Betrieb: Minen im Untertage- und /oder Tagebau, acht Uranfabriken sowie 17 Lagerstätten für die Reste aus dem Uranbergbau.
Zwischen 1954 und 2001 holten CEA, Cogema und Areva insgesamt 80 978 Tonnen Uran aus dem französischen Boden und hinterließen 200 Millionen Tonnen Erzgestein, wegen seines geringen Urangehalts als »steril« bezeichnet. 2001 wurde das letzte einheimische Uranbergwerk geschlossen.
Gewöhnlich schüttete Areva den Eingang unterirdischer Minen mit sterilem Gestein zu und begrünte Tagebau-Anlagen und Abraumhalden. Bis zur Jahrtausendwende gab der Konzern dafür knapp 121 Millionen Euro aus. 2006 verabschiedete die französische Regierung ein Gesetz zur Sanierung der Altlasten des Uranbergbaus, nachdem das Strahlenforschungs- Institut CRIIRAD immer weit überhöhte Strahlenwerte festgestellt hatte. Umfangreichere Sanierungsarbeiten nahm Areva jedoch erst auf, nachdem 2009 eine TV-Reportage für große Empörung gesorgt hatte. Dennoch sind noch heute Schulhöfe, Sportanlagen und Gewerbehallen hoch belastet: Dort war der sogenannte Steril-Schotter entsorgt worden.
Wegen seiner begrenzten heimischen Vorkommen, suchte Frankreich schon früh in (ehemaligen) französischen Kolonien nach Erzlagern; den Auftakt machten 1953 Madagaskar und 1960 Gabun. 1971 folgte Niger. Der Großteil der 158 472 Tonnen, die dort bis 2024 gefördert wurden, ging nach Frankreich.
Für Niger ist die Bilanz nach über 50 Jahren Ausbeutung wenig erbaulich. Das Land hat nur etwa 12 Prozent des Wertes für das geförderte Uran erhalten und ist nie vom Podest der drei ärmsten Länder heruntergekommen (s. S. 14). Dabei hat das nigrische Uran ein Drittel der Stromerzeugung Frankreichs gedeckt und damit enorm viel zum Wohlstand des Landes beigetragen.
Niger wurde 1960 zwar von Frankreich unabhängig, die einstige Kolonialmacht setzte jedoch ihre Interessen durch: Die Selbstständigkeit wurde nur unter der Bedingung gewährt, dass Frankreich die Kontrolle über die Uranvorkommen behielt; und zuvor wurden die eigentlichen Führer der Unabhängigkeitsbewegung physisch oder politisch ausgeschaltet. In Niger übernahm der frankophile Hamani Diori die Staatsgeschäfte und errichtete ein autoritäres Einparteienregime, das von französischen Berater*innen betreut wurde. Als 1968 und 1970 die Société des mines de l’Aïr (Somaïr) und die Cominak gegründet wurden, erhielt Niger nur 20 Prozent der Anteile.
Ermutigt durch den Anstieg der Rohstoffpreise Anfang der 70er Jahre, forderte Präsident Diori, den Uranpreis zu erhöhen. 1974 wurde er durch einen Militärputsch gestürzt. Die französische Diplomatie unterstützte 1996 einen weiteren Militärputsch. Mit dem 1999 gewählten Präsidenten Mamadou Tandja blieben die Beziehungen solange gut, bis dieser 2006 das Monopol von Areva brach, China am Uranabbau in Azelik beteiligte und den Uranpreis verdoppelte. Areva erhielt mit Imouraren zwar ein neues Vorkommen, Tandja wurde aber durch einen erneuten Staatsstreich gestürzt.
Der 2011 gewählte Mahamadou Issoufou war wieder ein Verbündeter Frankreichs, insbesondere als Frankreich ab 2013 seinen »Krieg gegen den Terrorismus« in der Sahelzone begann und durch die französische Militärpräsenz auch die nigrischen Uranminen von Areva schützte, in deren Umgebung es zu Geiselnahmen gekommen war.
2023 übernahm die Militärregierung unter Abdourahamane Tiani die Macht. Im Wissen um die strategische Bedeutung des Urans verstaatlichte sie die Mine in Arlit und entzog Orano die Abbaugenehmigung. Damit haben die neuen Machthaber Frankreichs Rolle in Niger ein Ende gesetzt und geopolitisch neue Weichen gestellt: Rosatom soll künftig das Urangeschäft übernehmen.
Areva bezeichnete sich lange Zeit als Weltmarktführerin im Bereich der zivilen Atomkraft. Der Konzern wäre aber ohne staatliche Hilfe bankrottgegangen: Die beiden Druckwasser- Reaktoren (EPR) in Olkoliuto/Finnland und Flamanville/ Frankreich entwickelten sich zur finanziellen Katastrophe, und für wertlose Uranvorkommen in der Zentralafrikanischen Republik, in Namibia und Südafrika hat Areva 2007 einen astronomischen Preis gezahlt.
Baubeginn des EPR in Flamanville war 2007, geplanter Betriebsbeginn 2012. Nach einer endlosen Reihe von technischen Pannen ist der Reaktor Ende 2024 ans Netz gegangen. Der französische Rechnungshof beziffert die Kosten auf 23,7 Mrd. Euro, achtmal so viel wie ursprünglich kalkuliert.
Präsident Macron verkündete bereits 2022 den Bau von sechs neuen Atomreaktoren, hat aber angesichts der finanziellen Lage der Electricité de France, die Areva übernehmen und vor dem Bankrott retten musste, deren möglichen Bau bereits um drei Jahre nach hinten verschoben. Um weiter Atomstrom liefern zu können, hat die atomare Aufsichtsbehörde der Laufzeitverlängerung eines Teils des derzeitigen Kraftwerksparks zugestimmt. Nicht zuletzt um Atommacht zu bleiben, hat sich Frankreich auf Gedeih und Verderb der Atomkraft verschrieben – und sich damit in ein atomares Dilemma manövriert, für das es gigantische Summen schultern muss: Die 3,3 Billionen Euro Staatsschulden sind auch auf den Atomsektor zurückzuführen und verursachen jährlich 70 Mrd. Euro an Zinszahlungen. Das liegt daran, dass Frankreich als Atommacht ein großes Interesse daran hat, weiterhin Atomenergie zu nutzen, um deren Infrastruktur auch militärisch zu verwenden. Am Beispiel des radioaktiven Wasserstoffisotops Tritium, das in Atomwaffen ständig erneuert werden muss, zeigt sich die Verbindung: In der Vergangenheit betrieb das Verteidigungsministerium Militärreaktoren zur Aufrechterhaltung der Tritium-Versorgung. Nach deren Abschaltung kündigte es an, das zivile AKW Civaux zur Tritiumproduktion für das nationale Atomwaffenprogramm zu nutzen. Solche Verbindungen sind gängige Praxis in Atomwaffenstaaten.
Da Frankreichs Rolle in der EU angesichts erneuter nuklearer Aufrüstung und Abschreckung wächst, liegt es auch an Deutschland, sich für Abrüstung einzusetzen –, nicht zuletzt um überalterte und gefährliche AKWs abschalten zu können. Und möglicherweise wird der atomare Schutzschild auch über Deutschland und andere EU-Staaten ausgebreitet.
Weiterführende Informationen
• Neokolonialismus in Afrika: Raphaël Granvaud, Areva en Afrique: Une face cachée du nucléaire français
• Uranminen: Das Erbe der französischen Uranminen, Suzanne Krause, 54 Minuten, deutschlandfunk.de
• Dachorganisation französischer Anti-Atom-Gruppen: sortirdunucleaire.org
• Film: »The Curse of Uranium«, 25 Min.