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PROGNOSE: AUSGESTRAHLT

Seit Jahrzehnten propagieren interessierte Kreise die Renaissance der Atomenergie. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Milliardenverluste, Zeitverzögerungen und erneuerbare Energien, die zunehmend kostengünstiger werden.

In den 1950er Jahren wurde Atomstrom angepriesen als »too cheap to meter«, zu billig, um den Verbrauch zu messen, heute erweist er sich als »too expensive to matter«, zu teuer, um relevant zu sein. Im Jahr 2017 gingen so wenig neue Kernkraftwerke ans Netz, dass die installierte Nuklearkapazität, also die theoretische Maximalleistung, weltweit gerade mal um ein Gigawatt netto stieg. Dies entspricht einem Anteil von 0,4 Prozent an der gesamten neuen Kraftwerkskapazität von 257 Gigawatt. Die erneuerbaren Energien kamen dagegen auf 157 Gigawatt und damit einen Anteil von 61 Prozent. Der Neubau von Atomkraftwerken ist für moderne Strommärkte praktisch irrelevant geworden.

Atomkraftwerke erzeugen heute in 31 Ländern Strom und haben weltweit einen Anteil von rund zehn Prozent an der kommerziellen Stromproduktion. Damit sinkt der Beitrag der Atomwirtschaft seit 1996 kontinuierlich, als ihr Anteil am Strommix den historischen Höchststand von 17,5 Prozent erreichte. Berücksichtigt man Mobilität und Wärmebedarf, tragen Atomkraftwerke heute weltweit 4,4 Prozent zur Deckung des kommerziellen Primärenergiebedarfs und weniger als zwei Prozent der tatsächlich genutzten Endenergie bei.

Nahezu alle Indikatoren, die im World Nuclear Industry Status Report erfasst werden, zeigen, dass die Atomindustrie vor vielen Jahren ihren Höhepunkt erklommen hat: Im Jahr 2002 erreichte die Zahl der im Betrieb befindlichen Reaktoren mit 438 einen Höchststand, Anfang 2019 waren es noch 415; die Atomstromproduktion war 2006 am höchsten. In den Jahren 1984 und 1985 gingen 33 Meiler erstmals ans Netz, 2018 waren es neun. 1979 waren 234 Meiler im Bau – ein absoluter Höhepunkt, Anfang 2019 waren es 49; 1976 wurde mit dem Bau von 44 Reaktoren begonnen: ein historisches Maximum; 2018 waren es noch fünf.

Zwischen 2008 und Mitte 2018 wurden 55 Atommeiler mit einer Leistung von 49 Gigawatt erstmals ans Netz angeschlossen. Ihre Bauzeit betrug durchschnittlich zehn Jahre. Gleichzeitig wurden jedoch 52 Reaktoren mit einer installierten Leistung von 38 Gigawatt stillgelegt, was einen vernachlässigbaren Nettozuwachs von drei Meilern in einem Jahrzehnt oder einem Gigawatt pro Jahr bedeutet. Während die jährliche Stromproduktion aus erneuerbaren Energien im vergangenen Jahrzehnt enorm zugenommen hat und von 2007 bis 2017 um rund 4000 Terawattstunden (TWh) gestiegen ist, nahm die Atomstromproduktion um 110 TWh ab (s. Abb.).

Kernenergie ist mit Kohle und Gas nicht mehr konkurrenzfähig, und zunehmend auch nicht mit Wind und Solar. Investitionen in den Neubau von Atommeilern sind immer teurer und riskanter geworden. Jeder achte Neubau der Nukleargeschichte wurde vor seiner Inbetriebnahme aufgegeben. Jüngst hat es nach dem Bankrott des Herstellers Toshiba- Westinghouse im Jahr 2017 zwei Meiler am Standort Virgil C. Summer im US-Bundesstaat South Carolina getroffen, obwohl die Projektträger bereits fünf Milliarden US-Dollar in das Pro­jekt investiert hatten. Hitachi wird voraussichtlich 2,7 Milliarden US-Dollar für das AKW-Projekt Wylfa an der walisischen Küste abschreiben müssen. Kosten, die bereits vor Baubeginn entstanden sind und mehr als das Dreifache dessen, was Hita­chi den beiden deutschen Stromkonzernen E.ON und RWE fünf Jahre zuvor für die Übernahme von Horizon Nuclear Power Ltd., der Eigentümerin von Wylfa, gezahlt hatte. Die Betriebskosten aus diesen fünf Jahren sind dabei noch nicht enthalten. Ein anderes japanisches Unternehmen, Toshiba, das bei der Insolvenz seiner ehemaligen Tochtergesellschaft Westinghouse rund sechs Milliarden US-Dollar verloren hatte, zog bei allen Atomprojekten in Übersee, einschließlich Moorside in Großbritannien, den Stecker.

Vor allem aus wirtschaftlichen Gründen wurden komplette nationale AKW-Neubauprogramme abgebrochen oder »ausgesetzt« – zum Beispiel in Chile, Indonesien, Jordanien, Litauen, Südafrika, Thailand und Vietnam. Das Ausbleiben der »Renaissance der Atomkraft« hatte dramatische finanzielle Auswirkungen auf die Atomkonzerne. Sowohl der historisch wichtigste AKW-Bauer Westinghouse musste Insolvenz anmelden, als auch die französische Areva, die sich selbst zum »Weltmarktführer in der Atomenergie« ernannt hatte. Areva hatte über einen Zeitraum von sechs Jahren einen Verlust von 10,5 Milliarden Euro angehäuft.

Verursacht haben die finanziellen Schwierigkeiten zum großen Teil Neubauprojekte, deren Fertigstellung sich immer weiter hinauszieht und deren Kosten dramatisch wachsen. Im finnischen Olkiluoto wird der erste europäische Druckwasserreaktor (EPR) gebaut. Baubeginn: 2005, geplante Fertigstellung: 2009. Frühestens im August 2019, zehn Jahre später, sollte der Meiler mit Brennstoff bestückt werden, im Oktober 2019 ans Netz gehen (Stand: Juli 2019). Vergleichbar der Bau eines Meilers in Flamanville/Frankreich. Baubeginn: 2007, geplante Fertigstellung: 2012. Der Reaktor soll im letzten Jahresviertel 2019 mit Brennstoff bestückt werden und Anfang 2020 ans Netz gehen. Der finnische EPR sollte etwa drei Milliarden Euro kosten, der französische vier. Bis Ende 2018 waren die Kosten auf jeweils knapp elf Milliarden Euro gestiegen. Im Dezember 2018 begann der französische Staatskonzern EDF mit dem Bau des ersten Meilers von Hinkley Point C in Großbritannien. Bereits 2017 wurden die Kosten auf 9,8 Milliarden britische Pfund veranschlagt – viereinhalbmal so viel, wie ursprünglich für den ersten EPR in Finnland kalkuliert war. Der weltweit einzige EPR, der bislang Strom erzeugt, ist Taishan-1, gebaut in China zwischen Oktober 2009 und Juni 2018 – ebenfalls deutlich hinter dem Zeitplan und mit erheblichen Kostensteigerungen, allerdings nicht ganz so dramatisch wie bei seinen europäischen »Vorgängern«.

Aber auch bestehende Atomkraftwerke geraten unter wirtschaftlichen Druck, und viele von ihnen können auf liberalisierten Energiemärkten nicht mehr bestehen. Sechs US-Reaktoren sind bereits vorzeitig stillgelegt worden, mindestens ein weiteres Dutzend soll bis 2025 folgen. Andere Meiler wurden durch direkte Subventionen von einzelnen Bundesstaaten für ein paar Jahre gerettet. Der wirtschaftliche Niedergang wirft auch Fragen nach Auswirkungen auf die Sicherheit auf.

Hinzu kommt: Wer in Strom sparende Techniken und sparsame Geräte investiert, erzielt damit oftmals größere Gewinne als mit neuen Kraftwerken zur Erzeugung von Strom. Kernkraft verbucht dabei im letzten Jahrzehnt deutlich steigende Kosten; Wind- und Solaranlagen sind dagegen immer kostengünstiger geworden und können inzwischen mit bestehenden Kernkraftwerken und fossilen Brennstoffen konkurrieren (s. Abb. oben und S. 48/49).

Wirtschaftlich hat Atomkraft keine Zukunft. Die Betreiber versuchen mit Laufzeitverlängerungen für bestehende Anlagen zu überleben, was das Katastrophenrisiko deutlich erhöht. Und oft werden neue AKWs nur aus militärischen und strategischen Gründen gebaut.

Weiterführende Informationen

• Mycle Schneider, Antony Froggatt et al.: World Nuclear Industry Status Report 2019, als PDF auf worldnuclearreport.org