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Atomwaffen: DAS NEUE WETTRÜSTEN

Ein Atomkrieg kennt keinen Sieger. Dennoch erneuern Atommächte ihre Arsenale, kündigen Abrüstungsverträge und setzen auf neue nukleare Trägersysteme

Der INF-Vertrag, den US-Präsident Ronald Reagan und der Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, 1987 unterzeichnet haben, war ein Meilenstein zur Beendigung des Kalten Krieges: Nuklearraketen an Land mit einer Reichweite von 500 bis 5 500 Kilometern inklusive Abschussvorrichtungen und Infrastruktur wurden binnen drei Jahren vernichtet. Weitere Abrüstungsverträge folgten: Über vier Fünftel ihres Atomwaffenarsenals haben die USA und Russland als Nachfolger der Sowjetunion vernichtet.

Doch die Zeit der atomaren Abrüstung ist beendet. Das Friedensforschungsinstitut SIPRI schreibt in seinem jüngsten Jahresbericht: »Die bilaterale nukleare Rüstungskontrolle zwischen Russland und den USA geriet vor einigen Jahren in eine Krise und ist nun fast vollständig zusammengebrochen.« Den INF-Vertrag hatte US-Präsident Donald Trump 2019 gekündigt, im Jahr 2024 verkündete Russlands Präsident Wladimir Putin den Bau neuer Mittelstreckenraketen. Sie sind mit nuklearen Sprengköpfen in Belarus – also nah an der EU – stationiert worden. In Deutschland sollen 2026 neue US-Marschflugkörper vom Typ Tomahawk aufgestellt werden.

Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine hat Präsident Putin mehrfach mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht und seine Nuklear-Doktrin dahingehend verschärft, Atomwaffen auch gegen Nicht-Atomwaffen-Staaten und für enge Verbündete (sprich Belarus) einsetzen zu können. Die NATO-Atommächte haben nicht vergleichbar reagiert, zumindest nicht öffentlich. »Das ist der richtige Schritt zur Deeskalation«, sagt Friedensforscher Sascha Hach. »Jedes Drohen vergrößert in dieser Situation nur das gegenseitige Misstrauen und Fehlinterpretationen. « Aber: Auch die USA schließen einen nuklearen Erstschlag nicht aus, und Deutschland und andere Staaten bestehen auf Abschreckung und nuklearer Teilhabe.

Dass die atomare Bedrohung steigt, verdeutlicht die aktuelle Entwicklung: Anfang 2025 besaßen die neun Atommächte insgesamt 12 241 Atombomben, wie SIPRI feststellt, 120 Sprengköpfe mehr als im Vorjahr. »Es zeichnet sich ein gefährliches neues nukleares Wettrüsten zu einem Zeitpunkt ab, an dem die Rüstungskontrollregime stark geschwächt sind«, so der SIPRIBericht. Mit anderen Worten: Die Welt ist einem Atomkrieg so nahe, wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

US-Präsident Barack Obama sprach 2009 von der Vision einer atomwaffenfreien Welt. Aber statt abzurüsten, modernisierten die Atommächte ihre Arsenale. Bereits unter Obama wurde die Entwicklung neuer, insbesondere kleinerer »taktischer « Atomwaffen vorbereitet und dann während Trumps erster Amtszeit forciert. Dabei haben die meisten der »kleinen Atombomben« immer noch die gleiche Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe, die am 6. August 1945 70 000 bis 80 000 Menschen sofort tötete. Was ein Atomkrieg bedeuten würde, zeigt eine Studie der Ärzt*innenorganisation IPPNW: Ein Krieg mit 100 Atombomben hätte eine globale Hungerkatastrophe mit bis zu zwei Milliarden Toten zur Folge.

Sowohl die USA als auch Russland modernisieren das gesamte Arsenal strategisch: nukleare Sprengköpfe sowie Raketen- und Flugzeugsysteme. Russland hat im Langstreckenbereich und im für Europa besonders bedrohlichen Mittelstreckenbereich Trägersysteme neu entwickelt, getestet und stationiert. Vergleichbares gilt für die anderen Nuklear-Staaten, so der SIPRI-Report. China modernisiert und erweitert sein Atomwaffenarsenal, Indien und Pakistan scheinen ihre Atomwaffenbestände zu vergrößern. Bei einem kriegerischen Konflikt im April 2025 drohte Pakistan offen mit dem Einsatz seiner Atomwaffen. Nordkoreas militärisches Nuklearprogramm ist zentraler Bestandteil seiner nationalen Sicherheitsstrategie. Besonders erschreckend: SIPRI sieht Anzeichen dafür, »dass weitere Staaten dem ›Nuklearclub‹ beitreten werden«.

Hoffnung gibt ein Blick zurück. Gerade nach großen nuklearen Krisen haben sich die Nuklear-Mächte verständigt und aus der Krise gelernt, dass Vertrauen und Abrüstung sicherer sind als gegenseitige Bedrohung: Der Kuba-Krise im Oktober 1962 folgte 1963 der Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre und fünf Jahre später der Atomwaffensperrvertrag. Es folgten SALT 1 (1972) und SALT 2 (1979) zur Begrenzung strategischer Rüstung und nuklearer Trägersysteme und 1987 der INF-Vertrag. Es bedarf eines neuen allgemeinen Verständnisses darüber, dass Atomwaffen keine Sicherheit garantieren und ihre Existenz ein ausgewogenes Verhalten der politischen Führungen erfordert.

Die Alternativen zur atomaren Bedrohung sind Abrüstung und eine atomwaffenfreie Welt. Seit 1982 setzt sich die in Japan gegründete Organisation »Mayors for Peace« für die Abschaffung aller Atomwaffen ein. 8 560 Städte aus 166 Ländern und Regionen haben sich ihr inzwischen angeschlossen. Und die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Nuklearwaffen (ICAN) brachte im Juli 2017 ein Abkommen zum Verbot von Atomwaffen vor die Vereinten Nationen: 122 Staaten haben dafür gestimmt, 94 haben den Vertrag mittlerweile unterzeichnet, 74 ratifiziert, zuletzt mit Indonesien das größte Land Südostasiens. Im Januar 2021 ist der Vertrag in Kraft getreten. Deutschland gehört nicht zu den Unterzeichnern. Dabei wird es Zeit, dass in Deutschland endlich ein Umdenken stattfindet.  

KEIN GELD FÜR BOMBENBAU

ICAN untersucht mit der Kampagne »Don’t Bank on the Bomb« seit 2012 die Kreditvergabe zum Bau von Atombomben. Zuletzt veröffentlichte die NGO Anfang 2025 einen Bericht zur aktuellen Entwicklung: 24 Unternehmen sind nach wie vor stark in die Produktion, Herstellung und Entwicklung von Atomwaffen involviert. Und weltweit haben 260 Finanzinstitute insgesamt 513 Mrd. US-Dollar an Investitionen oder Finanzierungen in eine dieser 24 Firmen getätigt. Mit der Allianz, der Deka Group, der Deutschen Bank sowie der Bayern LB, Commerzbank, DZ Bank und der KfW sind auch deutsche Banken und Finanzdienstleister dabei. Da die derzeitigen geopolitischen Machtverschiebungen die atomare Abrüstung erschweren, ist die Zivilgesellschaft gefordert: Jede*r kann seine Bank fragen, ob sie Kredite an Konzerne vergibt, die mit Atombomben Geschäfte machen. »Zerstört die Bombe, nicht die Menschheit«, so Susi Snyder, Initiatorin des Reports.

Weiterführende Informationen

• IPPNW-Studie: Nuclear Famine. Two Billion People at Risk, als PDF auf ippnw.de

• Links: mayorsforpeace.org; ican.org; dontbankonthebomb.com