Asien: Unter Ausschluss der Öffentlichkeit
Uranbergbau gibt es in Asien seit dem Zweiten Weltkrieg. Bis heute behandeln dort die meisten Förderländer das Thema als geheime Staatsangelegenheit
Ming-Kusch, Mailuu-Suu, Kajy-Sai, Schakavtar, Sumsar, Ak-Tuez und Orlovka – das sind Städte in Kirgisistan, deren Existenz in der UdSSR als Staatsgeheimnis behandelt wurde. An diesen Orten wurde Uran für das sowjetische Atomwaffenprogramm gefördert. Ming-Kusch und Mailuu-Suu gehörten zu den am besten entwickelten Städten Zentralasiens. Mit einem großen Makel: Sie waren geschlossen. Niemand durfte darüber reden, dass dort Uran für die Bomben gewonnen wurde. Noch vor dem Zerfall der Sowjetunion wurde der Uranabbau beendet, eine Wiederaufnahme lehnte das kirgisische Parlament nach Protesten im Mai 2019 ab, verabschiedete 2024 aber ein Gesetz, um Uran- und Thoriumvorkommen zu erschließen.
Der Uranbergbau in Asien begann bereits während des Zweiten Weltkriegs in Tabošar, dem heutigen Istiqlol im Norden Tadschikistans, um das erforderliche Uran für den Bau der ersten sowjetischen Atombombe zu liefern. Und auch in Tadschikistan wurden Uranförderung und -verarbeitung vom Sowjetregime als Staatsgeheimnis behandelt. 1992 schloss die letzte Mine, 20 000 Tonnen Uran wurden bis dahin gefördert.
Auch in Kasachstan wurde schon während des Zweiten Weltkriegs nach Uran gesucht und nach IAEA-Angaben bis in die 80er Jahre 30 kommerziell nutzbare Lagerstätten mit mehr als 1 000 Tonnen entdeckt. Mitte der 50er Jahre haben die Sowjets mit dem Uranbergbau begonnen, insgesamt vier Produktionszentren errichtet und bis 1990 rund 70 000 Tonnen Uran gefördert, auch hier unter strenger Geheimhaltung. Während Uran bis dahin fast ausschließlich unter Tage oder im offenen Tagebau gefördert wurde, setzt der 1997 gegründete Staatskonzern Kazatomprom heute nur noch auf das In-Situ-Leach-Verfahren (ISL). Zwei Regionen eignen sich dafür: Chu-Syrdarya im Süden mit den weltweit größten Uranlagerstätten und Kokshetau im Norden. Weil die ISL-Förderung keine strahlenden Halden hinterlässt, stuft der Konzern Uranabbau als unproblematisch ein. Wissenschaftler*innen sehen das anders: »In den meisten Fällen führt diese Technik zu einer extremen Verunreinigung des Grundwassers. An einigen Standorten ist diese Verunreinigung über große Entfernungen gewandert und hat die Trinkwasserversorgung beeinträchtigt«, sagt Gavin Mudd vom Royal Melbourne Institute of Technology in Australien.
In Russland wurden bis zum Ende der Sowjetunion 93 980 Tonnen Uran gefördert. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde eine Mine nach der anderen wegen Unwirtschaftlichkeit geschlossen. Heute leitet Rosatom die zivile und militärische Atomindustrie Russlands und damit auch das Urangeschäft (s. S. 56). 2004 nutzte der Staatskonzern in Dalur erstmals ISL, mittlerweile ist es in den drei noch betriebenen Uranminen die Regel. Im Nachhaltigkeitsreport 2023 spricht Rosatom davon, dass alle Tätigkeiten »completely safe«, völlig sicher für die Menschen seien. Dazu Uranexperte Paul Robinson: »In einigen Häusern in der Umgebung von Uranminen in Krasnokamensk wurden Radon-Konzentrationen von bis zu 28 000 Becquerel pro Kubikmeter gemessen; dieser Wert liegt 190-mal über dem Grenzwert, bei dem zum Beispiel in den USA Sofortmaßnahmen gesetzlich vorgeschrieben sind.« Derlei Fällen geht jedoch niemand nach.
Auch gibt es kein Programm zur Sanierung der geschlossenen Minen. Umweltorganisationen bekommen die Macht des Staates zu spüren und müssen sich als »ausländische Agent*innen« registrieren lassen, wenn sie vom Ausland finanziell unterstützt werden. Der Atomphysiker Oleg Bodrov musste 2017 die Leitung der Organisation »Green World« abgeben, weil er sich für die Stilllegung aller Atomkraftwerke in Russland und die Einstellung des Uranbergbaus engagiert, Greenpeace Russland wurde 2023 als »unerwünschte Organisation « eingestuft und geschlossen.
Nicht besser sieht es in China aus. 1964 zündete das Land seine erste Atombombe und baut seither auch zur Stromerzeugung Uran ab. Wer Uranbergbau kritisiert, gilt als Staatsfeind, wie das Beispiel des NFFA-Preisträgers Sun Xiaodi zeigt: In der Provinz Gansu gibt es reiche Uranvorkommen, 1967 eröffnete dort die No. 792 Uranium Mine. Sun Xiaodi managte ein Lagerhaus und begann 1988 Fragen nach Gesundheitsschäden und Strahlenbelastung zu stellen. 1994 wurde er entlassen. Weil er weiter fragte und 2005 einem französischen Journalisten ein Interview gab, wurde er unter Hausarrest gestellt und 2009 wegen Aufhetzung der Öffentlichkeit zu zwei Jahren Straflager verurteilt, berichtet die Ärzteorganisation IPPNW.
Über 54 000 Tonnen Uran wurden bisher aus dem Boden geholt – mittlerweile durch den Staatskonzern CNNC. Für seine 56 Atommeiler benötigt das Land rund 13 000 Tonnen Uran im Jahr und ist damit nach den USA der größte Verbraucher. Nur 1 600 Tonnen stammen aus dem eigenen Land, große Mengen aus Minen in Kasachstan und Afrika, an denen chinesische Bergbauunternehmen beteiligt sind.
Pakistan testete 1998 seine erste Atombombe und betreibt aktuell sechs Atommeiler. Das Land hat bisher etwas mehr als 1800 Tonnen Uran gefördert, im Jahr 2024 noch 50 Tonnen. Zur Sicherung seines Uranbedarfs hat es langfristige Verträge mit China.
Mit insgesamt 535 Tonnen ist in der Mongolei vergleichsweise wenig Uran abgebaut worden. Obwohl über 100 000 Tonnen Uranreserven nachgewiesen sind, wurde der Abbau noch vor der Jahrtausendwende eingestellt. Die mongolische Regierung hat aber insgesamt 107 Explorationslizenzen vergeben. Neben der französischen Orano sind indische, chinesische, japanische und russische Firmen daran interessiert, mit dem Abbau wieder zu beginnen. Passiert ist bislang nichts.
Wegen seiner Atomwaffenpläne bombardierten Israel und die USA Mitte Juni 2025 Anlagen im Iran, die nach ihren Angaben mit dessen Atom- und Raketenprogrammen in Verbindung standen. Seit Jahren steht das Land wie kein zweites unter internationaler Beobachtung: 243 Tonnen Uran hat der Iran bis 2024 selbst gefördert. Ob seine Fähigkeit waffenfähiges Uran herzustellen, durch das – völkerrechtswidrige – Bombardement zunichtegemacht wurde, ist unklar. Die EU versucht, das von den USA einseitig gekündigte Atomabkommen mit dem Iran neu zu beleben.
Neben Pakistan, Israel und dem Sudan ist Indien das vierte Land, das den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet hat. Allerdings ist Indien als einziges asiatisches Uranförderland demokratisch strukturiert. Mit dem Aufstieg zur Atommacht begann der Uranbergbau 1967 in Jadugoda in 640 Metern Tiefe. 2007 befragten indische Ärzt*innen, die sich für Frieden und Entwicklung engagieren, laut IPPNW in einer groß angelegten Fallstudie fast 4 000 Haushalte. »Sie fanden heraus, dass Babys, die in dem betroffenen Gebiet geboren wurden, fast doppelt so häufig angeborene Missbildungen aufwiesen wie Babys, in nicht kontaminierten Kontrolldörfern, und dass 9 Prozent der Babys daran starben – das mehr als Fünffache im Vergleich zur Referenzsterblichkeitsrate.«
Heute betreibt Indien 21 Atomreaktoren und hat einen dementsprechend großen Brennstoffbedarf. Auch wenn das Land über 250 000 Tonnen an Uranreserven hat, konnte die staatliche Uranium Corporation of India bis 2024 nur 15 876 Tonnen Uran abbauen und die jährliche Produktion kaum steigern. Das liegt auch an den Möglichkeiten des demokratischen Widerstands: So hat eine große Protestbewegung bei Lambapur- Peddagattu drei Untertage- und eine Tagebau-Mine verhindert. Vergleichbar liegen Pläne für neue Uranminen in der Region Meghalaya auf Eis.
Weiterführende Informationen
• Jadugoda Gesundheitsstudie: ippnw.org/pdf/jadugoda-health-survey.pdf