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Uranwirtschaft I: ERFOLGREICHER WIDERSTAND

Der Preis für Uran ist seit Jahren im Keller – und mit ihm der Uranbergbau. Gleichzeitig wehren sich immer mehr Gruppen gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen.

Seit gut 20 Jahren beschwört die Atomwirtschaft eine Atomrenaissance. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: 126 Atommeiler sind in der Europäischen Union im Jahr 2019 noch am Netz – ungefähr jeder dritte in der Welt und 51 weniger als 1989, dem historischen Höchststand. Fünf sind in der EU derzeit im Bau (s.S. 35). Gleiches gilt für die USA und Kanada: Zwischen 1996 und 2015 wurde dort kein einziges AKW fertiggestellt. Einzig Watts Bar in Tennessee ging Mitte 2016 ans Netz. »Die Triebkraft hinter diesem Neubau dürfte die Herstellung von militärisch nutzbarem Tritium für das US-Atomwaffenprogramm sein«, vermutet Alex Rosen, Vorstand von IPPNW-Deutschland.

In Japan wurden nach der Fukushima-Katastrophe alle 54 Reaktoren abgeschaltet. Neun waren Anfang 2019 wie­der am Netz, neue Projekte wurden ausgeschlossen. Neben Deutschland haben seither Belgien, Spanien, die Schweiz und zuletzt Südkorea den Atom-Ausstieg beschlossen. Die Produktion von Atomstrom ist um über zehn Prozent gesunken und der Uranbedarf somit zurückgegangen: Von 68 646 Tonnen vor der Katastrophe auf nur noch 56585 Tonnen im Jahr 2014. Inzwischen ist die Atomstromproduktion und die Uranachfrage wieder gestiegen, aber hauptsächlich wegen neuer Kraftwerke in China. Statt der erhofften Renaissance gibt es nur Stagnation.

Kasachstan ist mit einem Anteil von 39 Prozent an der weltweiten Produktion derzeit wichtigster Uranlieferant. Seit 2009 nimmt das Land diese Spitzenpositition ein. Die staatliche Kazatomprom fördert den Rohstoff ausschließlich im In-situ-Leaching-Verfahren. Weil es dadurch keine Tailings gibt und die Kontamination unsichtbar bleibt, sprechen Regierungsvertreter*innen von einer »sauberen Technologie«. Den Yellowcake liefert Kazatomprom nach Russland, China, Indien, Frankreich, Kanada und in die USA. Um den Uranpreis zu stützen, hat der Staatskonzern die Produktion 2017 um fünf und 2018 um 20 Prozent gedrosselt.

Die Entwicklungen der vergangenen Jahre haben dramatische Auswirkungen auf den Preis von Uran. Der liegt seit 2016 unter 30 US-Dollar und macht die meisten Bergwerke unwirtschaftlich; neue werden kaum noch erschlossen, bestehende stillgelegt oder verkauft. In Malawi schloss Paladin bereits 2014 Kayelekera. Es würde Millionen kosten, den Uranabbau wieder aufzunehmen. In Niger hat Areva 1,9 Milliarden in Imouraren investiert, den Uranabbau aber nie gestartet; und in Namibia hat der Konzern Klein Trekkopje schon vor Jahren stillgelegt, weil das Bergwerk nur noch Verluste gemacht hat. Langer Heinrich liegt ebenfalls in Namibia und hat dazu beigetragen, dass die australische Paladin kurz vor der Pleite stand. Anfang 2018 wurde das Bergwerk »eingemottet«. In Mali liegt Falea brach, in Südafrika – historisch immerhin der wichtigste Uranproduzent Afrikas – wurden 2017 nur noch 308 Tonnen gefördert. In Kanada wurde McArthur River stillgelegt, in Australien Ranger Deeps zwar erschlossen, aber nicht in Betrieb genommen. In den USA versucht die Trump-Regierung, stillgelegte Minen um den Grand Canyon wiederzubeleben, bislang ohne Erfolg.

Gegenwärtig warten Bergbaukonzerne darauf, dass sich der Uranpreis erholt. Gleichzeitig wehren sich immer mehr Menschen in Afrika, Australien, Nordamerika und Europa gegen Uranbergbau und die Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen. Bereits 2003 holte beispielsweise Almoustapha Alhacen unabhängige Wissenschaftler*innen aus Frankreich nach Niger und ließ die Strahlenbelastung um Arlit messen. Das Ergebnis: dramatisch überhöhte Werte, die die vielen Krebsfälle erklärten. Uran-Gigant Areva verwies auf eigene Mes­sungen: Alles sei unbedenklich. Einen unerwarteten Gegner erhielt Areva in Australien: Die UNESCO erklärte das Gebiet Koongarra im Northern Territory zum Weltkulturerbe. Weil ihre Proteste außerhalb Afrikas kaum wahrgenommen wur­den, schlossen sich 2009 Aktivist*innen aus Niger, Tansania, Malawi und Südafrika zur »African Uranium Alliance« zusammen. Neben dem Widerstand gegen neue Abbauprojekte galt es, die Arbeiter*innen in den Bergwerken zu sensibilisieren: Oft fehlten Schutzkleidung, Dosimeter und ausreichende Sicherheitsbestimmungen.

Im westafrikanischen Mali vergab die Regierung 2007 die Konzession, in der Falea-Region nach Uran zu suchen. Gegen den Abbau wehrt sich seitdem die Bürgerinitiative ASFA21. In Tansania waren es Jugendliche aus verschiedenen Teilen Afrikas, die 2015 den Kilimandscharo bestiegen und vom höchsten Berg Afrikas aus die »Ächtung des Uranbergbaus« forderten.

Der Ort wurde auch deshalb gewählt, weil die Regierung das Land zu einem der führenden Uranproduzenten machen und die in den 1970er und 1980er Jahren entdeckten Uranlagerstätten ausbeuten will. Als auf Feldern und Weidegründen nach möglichen Standorten gesucht wurde, konnten Explorationen zeitweise nur unter Polizeischutz durchgeführt werden, weil der Widerstand so groß war. Der Marsch auf den Kilimandscharo war quasi ein weithin sichtbares Zeichen dafür.

Staatsapparate nehmen Proteste jedoch nicht einfach nur zur Kenntnis. In Malawi wurden 2017 acht Aktivist*innen aus Tansania über 100 Tage als »ausländische Agent*innen« inhaftiert, weil sie sich ein Bild vom Uranbergbau und dessen Folgen in Malawi machen wollten. In Russland sind Anti-Atom-Aktivist*innen ins Exil geflohen, nachdem sie vom Staat ebenfalls als »ausländische Agent*innen« eingestuft worden waren; diejenigen, die im Land bleiben, werden eingeschüchtert und fühlen sich bedroht. In der Türkei wiederum will in dem derzeit herrschenden politischen Klima niemand namentlich genannt werden, der sich im persönlichen Kontakt mit den Autor*innen des URANATLAS gegen Atomprojekte ausspricht. Aus diktatorisch und autokratisch geführten Ländern wie Kasachstan und China dringen Proteste gleich gar nicht an die Öffentlichkeit.

Auch in Spanien wurden Anti-Uran-Aktivist*innen kriminalisiert. Massive Proteste haben aber dort wie in Tschechien neue Uranbergwerke zumindest vorerst verhindert. Weltweit verbreitet sich dabei in der Bewegung das Motto der indigenen Völker Nordamerikas: »We are not protestors, we are protectors«. Die Protestierenden sehen sich als Beschützende – und verweisen auf die immer kostengünstiger werdenden Erneuer­baren Energien.

Weiterführende Informationen

• Zur Ächtung von Uranbergbau: u-ban.org
Zur Kilimandscharo-Besteigung: twitter.com/kproject2015?lang=de