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NORDAMERIKA: STRAHLENDE SCHILDKRÖTENINSEL

Von der Subarktis im Norden bis zum Colorado-Plateau im Süden: Das Land der indigenen Völker war von Anbeginn im Fokus der Nuklearindustrie. Nur so wurden Kanada und die USA die historisch größten Uranproduzenten

Kaum war Enrico Fermi und seinem Team in Chicago am 2. Dezember 1942 die erste kontrollierte nukle­are Kettenreaktion gelungen, gab er am Telefon die Nachricht an seine Kolleg*innen an der Harvard Univer­sity verschlüsselt weiter: »Der italienische Seemann hat die Neue Welt erreicht.« Die Rückfrage »Wie verhielten sich die Ureinwohner*innen?« beantwortete der Physiker Fermi mit: »Sehr freundlich!« Da wusste man in Harvard: Experiment gelungen! Dass für den Code die Landung von Kolumbus gewählt wurde, passt in das große Ganze, denn aus Sicht der Indigenen ist der Beginn des Atomzeitalters eng mit ihrer Geschichte verwoben – als Geschichte der Zerstörung.

Als in den 1930er Jahren weit oben im kanadischen Norden, in der Echo Bay am Ostufer des Großen Bärensees im Land der Dene, die erste Uranmine Nordamerikas eröffnet wurde, nahmen viele die neuen Jobs an. Sie wurden Bergleute und trugen die Säcke mit dem Erz auf den Schultern zu den Schiffen, die sie zu den Mühlen brachten, bis der Yellowcake unter Geheimhaltung nach Los Alamos in die USA geschafft wurde, in dessen Nachbarschaft die Tewa-Dörfer Santa Clara und San Ildefonso liegen. Dort wurde »Trinity«, die erste Atombombe, entwickelt und schließlich in der Wüste White Sands im Land der Apachen getestet. Für die weiteren Bom­ben, von Hiroshima und Nagasaki abgesehen, wählte das US-Verteidigungsministerium erst einmal die Insulaner*innen der Südsee, bevor es die Heimat der Western Shoshone in Nevada opferte (s. S. 38-39).

Während in Los Alamos im Norden New Mexicos noch Uran von weither verarbeitet wurde, ahnte niemand, dass schon bald im Südwesten, auf dem Reservat der Diné (Navajo), Uran entdeckt werden und ein Schürf-Boom ohnegleichen losbrechen sollte. Von den 1950er Jahren bis 1971 war die US-Regierung die alleinige Abnehmerin, hauptsächlich für militärische Zwecke. Der Staat garantierte hohe Preise und kaufte jedes Kilo Uran, das aus dem Boden geholt wurde.

Die Diné, die in den Minen und Mühlen Arbeit fanden, wurden weder über die Gefahren aufgeklärt, noch ausreichend geschützt. Sie arbeiteten unter Tage, ständig Radongas und radioaktivem Staub ausgesetzt, und inhalierten alphastrahlende Partikel. Wenn sie nach Hause kamen, schüttelten sie ihre Kleidung ab und verseuchten den Familienraum. Kaum eine Diné-Familie, die nicht ein Mitglied durch Lungenkrebs verloren hat. Die hohe Zahl an Krebskranken führte 1990 nach hartem Kampf zur Verabschiedung des »Radiation Exposure Compensation Act«.

Grafik Uranbergbau und Minenaktivität Nordamerikas
Uranbergbau und Minenaktivität Nordamerikas

Doch die Wiedergutmachung verläuft bis heute zäh: Wenn Papiere fehlen, verfällt der Anspruch. Diné, die nicht Englisch sprachen, bejahten bei Interviews in der Regel die Frage nach Tabakkonsum gegenüber Dolmetscher*innen, da Tabak als heilige Pflanze gilt und bei Zeremonien Tabak verwendet wird. Sie ahnten nicht, dass damit ihr Lungenkrebs einer Raucherlunge zugeordnet wurde. Für Anwohner*innen, die in der Nähe strahlender Abraumhalden leben, gilt das Wie­dergutmachungsgesetz ohnehin nicht.

Die US-Regierung habe, so Doug Brugge von der Tufts University School of Medicine in Massachusetts in einer Studie 2002, es wissentlich versäumt, sich mit der Gesund­heitsgefährdung der Diné auseinanderzusetzen. Brugge: »Wissenschaftler*innen, die schon früh auf die Misere aufmerksam machten, wurden von den verantwortlichen Regierungsstellen ignoriert.« Rafael Moure-Eraso, Arbeitsmediziner an der University of Massachusetts, kam 1999 zu dem Schluss: »Im Zeitraum von 1947 bis 1966 nutzte die Regierung die Gelegenheit, an den Diné-Bergleuten die Auswirkungen radioaktiver Strahlung zu studieren.« Er sprach von »Experimenten an Menschen, ohne deren Wissen«. Für das Colorado-Plateau, auf dem auch Kohle in großem Stil abgebaut wird, prägte die US-Regierung in den 1980er Jahren den Begriff »National Sacrifice Area – Nationales Opfergebiet«. 2005 erließ der Diné-Rat ein Gesetz, das den weiteren Abbau verbietet; 523 verlassene Minen warten auf Sanierung.

In Kanada entwickelte sich Saskatchewan zur Uran-Provinz. Alle drei Straßen, die in den Norden führen, wurden für die Minen gebaut. Sie liegen in den Jagdgründen der Cree und Dene, die über die Gefahren nicht informiert waren, als dort der Uranbergbau begann. Die Region gehört zur Subarktis, ist von Seen, Bächen und Sümpfen durchzogen und von Oktober bis Mai mit Schnee bedeckt. Ackerbau ist nicht möglich, Jagd und Fischfang sind hier traditionell die einzig mögliche Überlebensform. Die Uranminen, die dazugehörigen Mühlen und Abraumhalden können in der Tundra nur schwer eingegrenzt werden. Die Jäger*innen der Cree und Dene berichten von Fehlgeburten bei Elchkühen, Elchföten mit zwei Köpfen und blinden oder deformierten Fischen. Die kanadische Regierung erwägt, in den bereits stark belasteten Regionen ein Atommüll-Endlager zu errichten. Außerdem sollen neue Lizenzen vergeben werden für die Förderung von Uran und Ölsand. »Wir werden kämpfen«, sagt der Dene-Jäger Don Montagrand, »und zwar für unsere Kinder.«

Es gibt seit Jahrzehnten Widerstand gegen Uranabbau, beispielsweise östlich der James Bay im Norden der Provinz Quebec, wo Anfang des neuen Jahrtausends ebenfalls Uran entdeckt wurde. Die kanadische Firma Strateco Inc. durchforstete die Gegend und begann mit Probebohrungen. Doch ein Protestmarsch jugendlicher Cree von Mistissini nach Quebec City und Montreal siegte über die Lobbyist*innen des Unternehmens. Die Provinzregierung beendete 2015 schließlich die Verhandlungen zum weiteren Uranbergbau und erließ ein Moratorium für Exploration und Abbau.

Seit dem Indigenous Uranium Summit 2006 in Window Rock, dem Regierungssitz der Diné, pflanzt sich in der indige­nen Welt ein Kampfruf fort, der weltweit Widerhall findet: »We have to ban uranium mining – Wir müssen den Uranabbau ächten!«

Weiterführende Informationen

• Dokumentarfilm: The Return of Navajo Boy, Jeff Spitz / Bennie Klain, 52 min, 2000
Widerstand im Südwesten der USA: indigenousaction.org/