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DEUTSCHLAND II: ATOMAUSSTIEG MIT LÜCKEN

Deutschland hat zwar das Ende der Atomkraft beschlossen. Die Urananreicherungsanlage in Gronau und die Brennelementefabrik in Lingen sollen aber ausdrücklich weiterlaufen.

Die Nutzung der Atomenergie soll in Deutschland spätestens Ende 2022 enden. Allerdings ist in den sieben in Deutschland noch laufenden AKWs jederzeit ein Super-Gau möglich. Das zeigt die Studie »Atomkraft 2018 – sicher, sauber, alles im Griff?« des BUND, die die Risiken der deutschen Atommeiler aufzeigt.

Die Bundesregierung hat sich geweigert, im Jahr 2018 die Novellierung des Atomgesetzes für eine Beschleunigung des Ausstiegs zu nutzen. Einen Skandal des Atomausstiegs hat sie erst gar nicht angepackt: Die Urananreicherungsanlage der Urenco Ltd in Gronau und die Brennelementefabrik in Lingen bleiben unbefristet in Betrieb. Das Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen hat zusammen mit mehreren NGOs im Oktober 2018 in einer Stellungnahme zur Änderung des Atomgesetzes die Kritik an deren Weiterbetrieb zusam­mengetragen, die im Folgenden mehr oder minder unverän­dert wieder gegeben wird: 1970 gründeten Großbritannien, Deutschland und die Niederlande mit dem Vertrag von Almelo die heutige Urenco Ltd und vereinbarten, das in Gronau angereicherte Uran ausschließlich zu zivilen Zwecken zu nutzen. Eigentümer sind zu jeweils einem Drittel der britische und der niederländische Staat. Das restliche Drittel teilen sich E.ON Kernkraft und RWE Power. Bleibt die Anlage in Betrieb, wäre die Bundesrepublik weiterhin in der Lage, Uran für Atomwaffen anzureichern und eigene Atombomben zu bauen. Niemand kann garantieren, dass dies unter veränderten politischen Rah­menbedingungen nicht auch gemacht wird.

Derzeit werden rund 50 Prozent des angereicherten Urans aus Gronau in die USA exportiert, da die USA über keine landeseigene Urananreicherung mehr verfügen. Dort wird in AKWs anfallendes Tritium teilweise für das US-Atomwaffenprogramm verwendet. Dadurch kann die Anlage in Gronau indirekt an der Herstellung von neuen Atomwaffen beteiligt sein.

Darüber hinaus hat Urenco ein ernsthaftes Sicherheitsproblem: 2018 wurde bekannt, dass ein Mitarbeiter über Jahre Waffenteile unbemerkt in die Urananreicherungsanlage schleusen konnte. Polizei und Staatsanwaltschaft bezeichneten den Mann als »Waffennarr« und ermitteln. Dieser Vorgang erschüttert das Vertrauen in die Fähigkeit von Urenco, ihre Urananreicherungsanlage und die militärisch höchst brisante Zentrifugentechnologie sicher zu schützen. Die Anreicherung von Uran für zivile Zwecke ist von der militärischen Nutzung nicht zu trennen. So ermöglichte es erst der Diebstahl von Blaupausen bei Urenco am Standort Almelo vor 40 Jahren durch den pakistanischen Wissenschaftler Abdul Kadir Khan Pakistan und in der Folge dem Iran und Nordkorea, selbst Uran anzureichern – eine Grundlage für ihre jeweiligen Atomwaffenprogramme. Urenco ist damit durch laxe Sicherheitsvorkehrungen mitverantwortlich für einen der international größten Verstöße gegen das Nichtverbreitungsgebot von Atomwaffentechnologie.

In Deutschland werden spätestens 2022 weder angereichertes Uran noch Brennelemente für Atomkraftwerke benötigt. Deutschland ist auch nicht verpflichtet, ausländische AKWs mit Kernbrennstoff zu versorgen. Rechtlich wäre es möglich, Ende 2022 die Atomanlagen in Gronau und Lingen zeitgleich mit den letzten deutschen AKWs stillzulegen. Das belegt ein Gutachten des Bundesumweltministeriums aus dem Jahr 2017. Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD heißt es dazu lediglich: »Wir wollen verhindern, dass Kernbrenn­stoffe aus deutscher Produktion in Anlagen im Ausland, deren Sicherheit aus deutscher Sicht zweifelhaft ist, zum Einsatz kommen. Wir werden deshalb prüfen, auf welchem Wege wir dieses Ziel rechtssicher erreichen.«

Wie wenig Deutschland diesem Anspruch gerecht wird, zeigt die Geschäftspolitik der Atomanlagen: Der Anreiche­rungskonzern Urenco belieferte bis 2011 den Fukushima-Betreiber Tepco mit angereichertem Uran. Seit 2017 gibt es wieder Transporte nach Japan. Sowohl Urenco als auch der Lingener Brennelementehersteller Framatome beliefern die wegen zahlloser Sicherheitsmängel und Pannen umstrittenen belgischen Meiler in Tihange und Doel mit Kernbrennstoff.

Framatome versorgt auch störanfällige Reaktoren wie Fessenheim und Cattenom mit Brennelementen aus Lingen. Die Lieferungen aus Gronau und Lingen ermöglichen damit den Betrieb dieser Reaktoren. Nicht zuletzt Urenco verkauft 33 Jahre nach dem Super-GAU in Tschernobyl angereichertes Uran in die Ukraine und ermöglicht damit, dass sicherheitstechnisch umstrittene Reaktoren in unmittelbarer Nachbar­schaft einer seit Jahren militärisch umkämpften Region weiterbetrieben werden können.

Wie bei allen Arten von Atommüll ist die Endlagerung von abgereichertem Uran ungelöst. Bis 2009 exportierte Urenco rund 27 300 Tonnen abgereichertes Uranhexafluorid (UF6) aus Gronau nach Russland zur »Langzeitlagerung«. Nach öffentlicher Kritik beendete Urenco diese Praxis und lieferte zunächst UF6 nach Frankreich, wo es z. T. in stabileres Uranoxid umgewandelt wurde. Rücktransporte nach Gronau sind für das Uranoxid jedoch bis 2024 nicht geplant. Stattdessen nahm Urenco im Mai 2019 insgeheim die Exporte nach Russland wieder auf. Seit dies im Herbst 2019 bekannt wurde, protestieren Aktivist*innen in Deutschland und Russland. Außerdem lagern derzeit rund 20000 Tonnen UF6 unter offenem Himmel in Stahlbehältern auf dem Gelände.

UF6 ist radioaktiv und hochgiftig. In Verbindung mit Wasser reagiert es zu extrem aggressiver Flusssäure. Für eine solche Reaktion reicht bereits Luftfeuchtigkeit aus. Kommt ein Mensch damit in Kontakt, sind schwere Hautverbrennungen sowie radioaktive Kontamination die Folge. Eingeatmet zer­frisst Flusssäure die Lunge und kann zum Tod führen.

Ein tragfähiges und langfristiges Konzept zur sicheren Endlagerung des abgereicherten Urans aus Gronau gibt es bisher nicht. Und die ständigen Transporte von Uran von und zur Urananreicherungsanlage Gronau sowie von und zur Brennelementefabrik Lingen sind eine andauernde Gefahr. Es reicht ein Transportunfall für eine Katastrophe.

Weiterführende Informationen

• BUND: Atomkraft 2018 – sicher, sauber, alles im Griff? Download unter: bund.net
• Sofortiger Atomausstieg Münster: sofa-ms.de