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Atombombentests: SEIT 1996 VERBOTEN

Die erste Atombombe wurde am 16. Juli 1945 in New Mexico gezündet. Es folgten 2 057 weitere Tests, zuletzt 2017 durch Nordkorea. Über ein Viertel aller Bomben wurden oberirdisch gezündet. Strahlenopfer kämpfen bis heute um Entschädigung.

We are the most bombed nation in the world«, wiederholen die Sprecher*innen der Western Shoshone Nation immer wieder, wenn sie über Atombombentests sprechen, »wir sind die am meisten bombardierte Nation der Welt«. Denn in der Wüste von Nevada, die zu ihrem Territorium gehört, errichteten die USA rund 100 Kilometer nordwestlich von Las Vegas ihr Testgelände, die »Nevada Test Site«.

Nach dem Zweiten Weltkrieg führten US-Militärs zunächst mehrere Dutzend Atombombentests im Südpazifik auf den Atollen Enewetok und Bikini aus, die zu den Marshallinseln gehören, entschieden sich 1950 nach dem Beginn des Koreakriegs aber aus »Gründen der nationalen Sicherheit« vor allem für Atomtests im eigenen Land. Eine Fläche von 3000 Quadratkilometern in Nevada erklärten sie zum militärischen Sperrgebiet. Zwischen 1951 und 1992 ließ die US-Armee dort 928 Atombomben detonieren, davon bis zum Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre im Jahr 1963 hundert oberirdisch.

»1863 haben die USA im Vertrag von Ruby Valley fast zwei Drittel des Halbwüstenstaates Nevada offiziell als Western Shoshone Territorium anerkannt«, stellt die Gesellschaft für bedrohte Völker fest. »In den 30er Jahren des 20.Jahrhunderts wurde ihr Territorium rechtswidrig der Verwaltung diverser US-Behörden unterstellt.« Die Western Shoshone akzeptieren diese Enteignung bis heute nicht.

Niemand wurde in den 1950er und 1960er Jahren über die radioaktiven Wolken und die Folgen des Fallouts informiert – weder die Bewohner*innen von Las Vegas und anderer Orte, die »downwind« lebten, noch die Soldat*innen, die zum Teil im Freien und ungeschützt in nur wenigen Kilometern Entfernung einer Explosion ausgesetzt wurden, und schon gar nicht die Western Shoshone. Und das, obwohl den Verantwortlichen die tödliche Gefahr bewusst war, wie inzwischen veröffentlichte Dokumente belegen. Denn schon Anfang 1953 verendete ein Viertel aller Schafe, die im Testgebiet auf der Weide standen. Die Menschen dort hielten es für das Normalste der Welt, Kadaver von missgebildeten Lämmern zu sehen, manche sogar mit zwei Köpfen.

Es blieb nicht bei missgebildeten Tieren: »In den frü­hen 60er Jahren fingen all die Krankheiten an, die wir jetzt durchmachen«, berichtet Lijon Eknilang auf der Webseite von IPPNW über den Schauplatz Bikini. Das Mädchen war acht Jahre alt, als am 1. März 1954 die US-amerikanische Wasserstoffbombe »Bravo« auf dem Bikini-Atoll detonierte. »Viele Menschen leiden hier unter Schilddrüsentumoren, Totgeburten, Augenkrankheiten, Leber- und Magenkrebs und Leu-kämie. Die am häufigsten vorkommenden Missgeburten auf den Marshall-Inseln waren die ›Quallenbabies‹. Diese Kinder werden ohne Knochen und mit durchsichtiger Haut geboren. Wir können ihre Gehirne betrachten und ihre Herzen schlagen sehen. Aber sie haben keine Beine, keine Arme, keinen Kopf, nichts. Einige dieser Geschöpfe haben wir acht oder neun Monate lang ausgetragen. Sie leben normalerweise einen oder zwei Tage lang.«

Erst 1990 billigte die US-Regierung mit dem »Radiation Exposure Compensation Act« Strahlenopfern von Atombom­bentests und aus dem Uranbergbau, die an Krebs erkrankten, eine Entschädigung von 50000 US-Dollar zu. Nach Angaben des US-Justizministeriums wurden bis März 2017 über 32700 Fälle anerkannt und über 2,13 Milliarden US-Dollar ausbezahlt. Dabei sind längst nicht alle Anträge genehmigt worden. Pech haben all die, deren Krebs nicht eindeutig radioaktiver Verstrahlung zuzuordnen ist oder die beispielsweise »nur« Fehlgeburten oder psychische Erkrankungen zu beklagen haben.

Die Sowjetunion hatte mit Semipalatinsk im heutigen Kasachstan ein vergleichbares Testgelände. Von 1949 bis 1989 führten die Militärs dort 456 Bombentests durch, davon bis 1963 160 oberirdisch. Die Sprengkraft entsprach insgesamt dem 2500-Fachen der Hiroshima-Bombe. Der radioaktive Staub verbreitete sich über ein Gebiet von der Größe Deutsch­lands; rund 1,5 Millionen Menschen wurden durch die Explosionen verstrahlt. Was das bedeutet, zeigt Karipbek Kuyukuv. Der Mann aus dem östlichen Kasachstan ist als Folge der radioaktiven Verseuchung ohne Arme und Hände auf die Welt gekommen. Er widmet sein Leben und seine Kunst – aufrüt­telnde Mahnbilder, die er mit Mund und Zehen malt – dem Ziel, »dass niemand mehr unter den schrecklichen Folgen von Atomtests und Atombomben zu leiden« hat, und setzt sich für die Abschaffung aller Atomwaffen ein, nicht aber gegen Uranbergbau. Vergleichbar gilt das auch für die kasachische Regierung.

1991 wurde das Testgelände geschlossen – auch ein Verdienst des Nevada-Semipalatinsk-Movements, 1989 als eine der ersten Anti-Atom-Bewegungen in der früheren Sowjetunion gegründet. Schon mit seiner Namensgebung solidari­sierte sie sich mit den Strahlenopfern in Nevada.

In Australien machte Großbritannien die Maralinga- Wüste, das Emu Field sowie die Monte-Bello-Inseln zum atomaren Testgelände. Zwischen 1952 und 1963 wurden zwölf Atombomben in Regionen gezündet, die von Aboriginals als ihre Heimat beansprucht werden. Frankreich ließ seine erste Bombe im Februar 1960 im algerischen Teil der Sahara-Wüste hochgehen und verlagerte die Tests wenig Jahre später in die Südsee auf das unbewohnte Moruroa-Atoll. China, Indien, Pakistan und Nordkorea haben ihre Bomben allesamt im eigenen Land getestet.

Inzwischen hat die Weltgemeinschaft einen vollständigen Kernwaffenteststoppvertrag ausgehandelt, den »Comprehensive Test Ban Treaty (CTBT)«. Die Verhandlungen dazu begannen 1994, die USA strebten unter der Clinton-Regierung das Verbot sämtlicher Atomwaffentests an und wurden dabei von Russland unterstützt. 1996 hat die Vollversammlung der Vereinten Nationen das Vertragswerk durch die UN-Resolution 50/245 angenommen.

Deutschland gehört mit Australien, Finnland, Kanada, den Niederlanden und Japan zur »Gruppe der Freunde des CTBT«, die sich besonders für das Inkrafttreten des Vertrags einsetzt. 184 Staaten haben ihn unterschrieben, 167 ratifiziert. Damit er in Kraft tritt, müssen ihn der Iran, Israel, Ägypten, China, die USA, Indien, Pakistan und Nordkorea ratifizieren. Die drei letztgenannten haben ihn nicht unterzeichnet und noch nach 1996 Atomtests durchgeführt.

Weiterführende Informationen

• Teststoppvertrag: ctbto.org
• Global Peace Index: visionofhumanity.org
• Vertrag über das Verbot von Atomwaffen: als PDF auf ippnw.de